015

Stille suchend.
Herausfinden wollend, was am Anfang jeder Sehnsucht steht.
Ein scheinbar unübersichtliches Unterfangen.
Sehnsucht ist heimlich, ist still, tut meistens weh
und doch kann sie heilen, denn sie zeigt auf,
dass in uns nicht nur etwas Flüssigkeit hin und her gepumpt wird,
bis alles verdunstet ist, bis nichts mehr funktioniert.

Wer sich nie sehnt, der ist vielleicht schon nicht mehr so,
wie einst. Wie in diesen Kindertagen, in denen man
fast jede Sekunde etwas herbeisehnte,
auch wenn es nur der Sommerregen war,
um endlich wie verrückt darin herumhüpfen zu können.
Noch dazu ist Sehnsucht oft unerkannt,
wird mit Traurigkeit verwechselt.
Vielleicht ist es auch etwas Trauriges,
das genau dann passierte, als eine Sehnsucht begann.
Doch trotzdem ist Sehnsucht oftmals nicht so traurig,
wie man annimmt. Vielleicht ist das auch ein Punkt,
der da am Anfang dieser Sucht steht, sich zu sehnen,
nach Vergangenem, nach dem was war, oder nach eben genau dem,
was nie Wirklichkeit zu werden scheint.
Was nur so schön aussieht in der fernen Zukunft,
in unserer Phantasie, was aber vielleicht gar nicht so gut werden kann,
wie wir glauben zu wissen.

Der Punkt des Annehmens, von Getrübtem, von Subjektivem.
Alles ist subjektiv. Darin könnte die Lösung liegen,
wenn wir das zu lassen, in uns selbst, in diesem Ich,
das wir viel zu oft ignorieren, ihm Meinungen diktieren.
Indem wir versuchen dieses Ich zu überzeugen, von einer Welt,
die uns manchmal so wenig gut tut, uns zu Dingen zwingt,
die gegen unser Innerstes angehen. Doch wir bleiben starr.
Erklären uns selbst den Krieg.
Manche können damit aufhören, bevor es zu spät ist
und jede Form der Sehnsucht mit allem möglichen verwechselt,
jedoch nur nicht angenommen wird.
Aufzuhören ist oft genauso mühsam wie wieder anzufangen.

 

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013

Da, wo nichts wichtiger ist, als das Jetzt.
Dort, wo nichts endet, außer unserer Gedanken.
In diesen Liedern, den absoluten.
Mit unbegrenztem Verstand.
Etwas auffangen, bevor es fällt.
Heimwärts. Hier sein.
Sich mit der Unsichtbarkeit verabreden.
Wenn etwas auf dir liegen bleibt.
Bevor es gut war, ist es nie zu Ende.

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012

Ich weiß, dass du dir mit jeder Wimper etwas wünschst.
Manchmal hast du auch schon die deiner Kinder benutzt,
als sie noch zu klein waren, um selbst zu pusten
und das mit dem Wünschen zu verstehen.
Das dritte Stadium: Verstanden haben und werden.
Ich ging wieder, fing an zu beginnen, begann mich zu fangen.
Direkt an diesem Anfang. Kleine Wolke am Himmel.
Stille wirkt.

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011

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„Es ist ja eine ganze Menge für mich dazwischen gekommen, ich habe mehr Abwehrstoffe angesammelt als ein Mensch braucht, um immun zu sein, Mißtrauen, Gleichmut, Furchtlosigkeit, nach zu großem Fürchten, und ich weiß nicht, wie Ivan dagegen angegangen ist, gegen soviel Widerstand, dieses krisenfeste Elend, die auf Schlaflosigkeit genau eingespielten Nächte, die pausenlose Nervosität, den obstinanten Verzicht auf alles, aber schon in der ersten Stunde, in der Ivan ja nicht gerade vom Himmel gefallen war, sondern, aus den Augen lächlend, sehr groß und leicht gebeugt vor mir auf der Landstraßer Hauptstraße gestanden ist, war all das zuschanden gworden, und allein dafür müsste ich Ivan die höchsten Auszeichnungen verleihen und die allerhöchste dafür, daß er mich wiederentdeckt und auf mich stößt, wie ich einmal war, auf meine frühesten Schichten, mein verschüttetes Ich freilegt, und seligsprechen werde ich ihn für alle seine Begabungen, für welche aber, für welche? da noch kein Ende abzusehen ist und keines kommen darf und so fange ich an, mir die einfachste vorzuhalten, die einfach die ist, daß er mich wieder zum Lachen bringt.“

Ingeborg Bachmann, „Malina“